TLF-Räume

Warum brauchen wir geschlossene Räume?
(Gibts auch als Zine, das sich schöner lesen lässt: TLF-Zine

Sexistische Erfahrungen gehören (immer noch) zu unserem Alltag. Abgesehen von offensichtlichem Sexismus wie sexualisierte Übergriffe/Gewalt*, Grenzüberschreitungen*, heterosexistisch angemacht* zu werden, sind als weiblich oder trans-ident wahrgenommene Menschen auch weniger offensichtlichen Sexismen ausgesetzt. Auch  linke Räume werden  von sexistischen und patriarchalen Strukturen bestimmt.

Um das einzusehen sollte mensch sich verschieden Fragen stellen, hier einige Beispiele:

  • Wer spricht wie viel/ wie lange/ wie laut/ wie einnehmend/ mit welcher Körpersprache auf Plena, in Gruppen, im Alltag?
  • Wer übernimmt welche Aufgaben bei der politischen oder Lohnarbeit, zu Hause und im öffentlichenzRaum?
  • Wer macht wie oft Homepages, Technik, Konzerte, Abmischen, Rausschmisse, wer bastelt Deko, macht sauber, spült, kocht, räumt auf?
  • Wer kümmert sich um Emokram (tröstet, offenes Ohr, Erziehung)?
  • Wer hat wie viel Verantwortung, wer zeigt wie viel Präsens?
  • Wer traut sich was zu?
  • Wer kann sich wo, wie (selbst-)sicher bewegen, einen Raum betreten/Raum einnehmen?
  • Wer muss Angst haben sich nachts /in verlassenen Gegenden allein zu bewegen?
  • Wer steht auf der Bühne, hält Vorträge, veröffentlicht Texte, produziert Musik?
  • Wer dient als Blickfang in der Werbung/ im Service?
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    Natürlich sind nicht jeweils NUR als männlich beziehungsweise weiblich wahrgenommene Personen in den befragten Bereichen tätig/betroffen, deutliche Tendenzen lassen sich dennoch klar aufzeigen.

    * Dies sind nicht nur Randphänomene und nicht so fern und selten, wie es oft wahrgenommen wird. Zum Teil ist es schon so “normal”, dass es nicht mehr auffällt, dumm angestarrt, angelabert/angetanzt, ungefragt (am Arsch oder sonst wo) angfast zu werden.

     

    Geschlecht als Konstruktion

    Sich diese Problematik im Bezug auf Geschlechter anzuschauen steht nicht im Widerspruch zu der Annahme, dass Geschlecht konstruiert ist: Die Auswirkungen der Konstruktion sind real und von enormer Wirkkräftigkeit. Rollenerwartungen und Zuschreibungen prägen als männlich bzw weiblich wahrgenommene Menschen von Kindheit an und beeinflussen dadurch ihr Handeln, egal ob dies bewusst geschieht oder nicht.

    Konstruktion sind Prozess und Resultat in einem.

    Die Vorraussetzung für eine Dekonstruktion des binären Geschlechtersystemes ist das Wahrnehmen, Ernstnehmen und Bekämpfen von aktuellen realen Bedingungen.

     

    Warum Trans*-offen?

    Allgemein ist die Transgender-definition eine Selbstdefinition, das heißt: Trans* ist, wer sich selbst als solche_r definiert.

    Trans-offen heißt: Transmenschen, die sich (immer noch) von gegen Frauen gerichteter Diskriminierung ausgesetzt/ betroffen fühlen, bzw. sich mit geschlossenen Gruppen verbunden fühlen, auf Grund früher gemachter Erfahrungen, sind willkommen.

    Passing bedeutet, dass Transmenschen von ihrer Umgebung dem Geschlecht zugeordnet werden, dem sie sich selbst zugehörig fühlen. Transmänner, die nicht (immer) passen, machen unter anderem häufig Erfahrungen mit gegen Frauen gerichtetem Sexismus, zusätzlich zu der Diskriminierung, die ihnen widerfährt, weil sie sich oft in kein klares Männer-/Frauenmuster einfügen lassen. Transfrauen sind, wenn sie passen von Sexismus betroffen, wenn sie nicht passen, werden sie oft auch nicht als „männlich genug“ wahrgenommen und treffen auf Homophobie und andere Ausschlussmechanismen. Beide müssen permanent um Annerkennung als das, was sie sind, kämpfen.

     

    Selbstermächtigungsraum

    Bildet Banden!

    Wir halten geschlossene Räume als Basis für Selbstermächtigung für unentbehrlich.

    In Räumen, die nur für Transgender und Frauen zugänglich sind, ist die Hemmschwelle, sich in Bereichen, die sonst zu großen Teilen von Männern dominiert werden, neu auszuprobieren, für viele deutlich geringer. Nicht männlichen Blicken ausgesetzt zu sein ist  eine ganz neue und entlastende Erfahrung.So können sich Frauen und Transgender Fähigkeiten und Verhaltensweisen aneignen, zu denen sie sonst  nur erschwerten oder gar keinen Zugang haben. Wir können und müssen uns mit für uns neuen Bereichen auseinandersetzen, weil keine Cis-Männer** (also nicht Trans-Männer) da sind, die sich für bestimmte Dinge verantwortlich fühlen oder selbstverständlich diese Sachen in die Hand nehmen. Wenn Frauen und Transgender unter sich diese Tätigkeiten ausführen, entsteht meißt nicht der Druck, diese Aufgaben selbstständig/gut können oder sich beweisen zu müssen. Ohne Cis-Männer entstehen neue Strukturen in denen sich Frauen und Transgender so organisieren, dass sie trotz wenig Erfahrungen alles auf die Kette kriegen.

     

    Um den Unterschied zu erleben checkt die TLF ab!

    Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Stimmung eine grundlegend andere ist, als sonst im AZ. Außer am ersten Donnerstag im Monat sehen wir nachmittags ausschließlich Jungs die Skate-Rampen einnehmen, die wenigen Mädchen, die da sind, sitzen am Rand und himmeln ihre Typis an. Die Hemmschwelle, sich als weibliche und wahrscheinlich sogar nicht-fortgeschrittene Skaterin auf ein Board zu stellen, ist verständlicherweise enorm hoch, es vergeht einer schnell die Lust, überhaupt skaten zu lernen, da an anderen Orten die Zustände kaum anders sind. Skaten ist nur eins von vielen Beispielen, mit diversen Aktivitäten verläuft es ganz ähnlich.

    Natürlich kann es auch in Geschlossenenräumen zu unangenehmen Situationen kommen z.B. Grenzüberschreitung, Rassismus, Homophobie, Lookismus ….

    Wir wünschen uns dass gerade hier alle aufeinander achten und derartiges Verhalten nicht vorkommt, bzw. nicht geduldet wird.

    Wir hoffen und wünschen uns, dass die Erfahrungen + Fähigkeiten + Selbstbewusstsein, alles was Frauen und Transgender in geschlossenen Räumen machen, auch nach außerhalb getragen wird. Somit bilden geschlossene Räume eine mögliche Basis für Emanzipation und das Auflösen von Geschlechterrollen und Herr-schaftsverhältnissen.

    Auch in so genanten Freiräumen gibt es unzählige mehr oder weniger subtile Ausschlussformen, z.B. durch (Szene-)Codes (Aussehen, Sprache…), Verhaltenweisen- Dominanz usw.
    Bestimmte Menschen werden leicht aufgenommen, andere haben es schwerer, werden vergrault, trauen sich nicht (wieder)zu kommen oder sich aktiv zu äußern und einzubringen.

    Dass geschlossene Räume eine Personengruppe temporär ausschließt ist offensichtlich. Die Strukturen /Räume innerhalb derer Frauen/Transgender verdrängt/inoffiziell ausgeschlossen/benachteiligt werden sind deutlich subtiler aber fast immer präsent (mensch erinnere sich noch mal an den Anfangsfragenkatalog…).

    Für Cis-Männer die sich feministisch engagieren wollen, gibt es andere Aufgaben und Räume (beispielsweise das  Macker-Massaker versucht diesen Ansprüchen einen Rahmen zu geben), wie z.B. das Aufdecken und Bekämpfen der eigenen (und der mitMänner) Privilegien, Denk- und Verhaltensweisen. Für als weiblich_* wahrgenommene Personen jedoch ist die Stärkung der eigenen Position der Zusammenschluss /-halt, das Erkämpfen von neuen Erfahrungsfeldern/Räumen ein elementarer Teil zur Emanzipation. Cis-Männer können zwar den Aufbau solcher Strukturen unterstützen aber sie können nicht Teil dieser sein!

    Jeden ersten Donnerstag im Monat findet im AZ Mülheim die Trans*-Lesben-Frauen-Kneipe statt. Frauen und Transgender sind herzlich eingeladen, probiert einfach mal selber aus, wie der Raum für euch ist, ihr könnt die Kneipe auch gerne mitgestalten.

    Also dann:

    SKATET!

    KICKERT!

    MACHT LÄRM!

    ODER MUSIK

    ORGANISIERT EUCH!

    MACHT WAT IHR WOLLT!!!

     

    **Anstatt von Cis-Menschenn wird manchmal auch von “Bio-”Mann/Frau geredet wenn von nicht Trans-Menschen die Rede ist. Das halten wir für schwierig, da ja Transgender nicht “un-bio” sind. Cis könnte grob mit “diesseitig” übersetzt werden, als Gegensatz zu Trans, was “darüber hinaus” heißt.